"Das einfache Leben"
Zivilisationsmüde flieht Thomas vor dem Werteverfall, vor der wachsenden Kompliziertheit in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg in das Wald- und Seenparadies Ostpreußens, nach Masuren, um die alten Positionen kritisch zu überdenken.

 

Aus
"Das einfache Leben" von Ernst Wiechert (Ullstein, 1995, S. 36, S. 41):

 

... "Indessen wuchs das Gesicht der Wälder immer näher und deutlicher in ihm auf, als sei dort eigentlich erst das verborgen, was den Sinn der Landschaft ausmache und dazu auch das, was zu suchen er ausgezogen sei. Von ferne schon war zu erkennen, daß der schweigende Ernst dieses Raumes nicht von einer Heiterkeit der Form abgelöst werden würde, ja das vielmehr mit dem Zurückbleiben von Dorf, und Feld und Gehölz sich alles in eine einzige gesammelte Erscheinung zurückziehen würde, an Größe nur dem Meere oder dem Hochgebirge zu vergleichen, und nicht nur an Größe, sondern eben auch an Schwere und aufrufender Einsamkeit."

  ... "Immer tiefer nahm das Land ihn nun auf. Tag für Tag fuhr er an den Seen entlang und von Dorf zu Dorf, mitunter verweilend, wenn ihn etwas zu halten schien. Die Witterung wechselte in den Zeiten der Nacht- und Taggleiche, Stürme und Regen fielen über das Land, und eines Abends trieb sogar der Schnee in weißen Streifen zwischen den grauen Stämmen hin. Dann aber gewann die Sonne wieder das Feld, trocknete Straßen und Pfade, das Eis in den Buchten schmolz, und über der jungen Saat hingen hoch im Blau die singenden Lerchen. Immer aber gingen die großen Wälder mit ihm mit, wechselnd zwischen Laub- und Nadelholz, aufblauend, erglühend und sich wieder verdunkelnd mit dem Gang der Sonne, und mit ihnen die strenge und reine Luft, die das Atmen leicht machte und die sorgenlosen Jahre wieder heraufrief ..."
     

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